Graduierungen und Rangstufen sind in der Chinesischen Kampfkunst schon immer ein besonderes Thema gewesen, weil die Art und Weise wie dies gehandhabt wird, doch sehr von den japanischen - oder koreanischen "Vorbildern" abweicht. Auch ist sich häufig die Frage zu stellen, ob eine Notwendigkeit ein Prüfungssystem zu erstellen, überhaupt gegeben ist.
Traditionell gibt es im Chinesischen Kampfsport kein eigentliches Graduierungssystem, dass beispielsweise den japanischen Schüler- und Meistergraden (Kyu, Dan)oder den koreanischen (Kup, Dan) entspricht. Im Chinesischen Kampfsport existiert ein Rangstufensystem, das dem Rangstufensystem der chinesischen Famile entnommen ist.
Das traditionelle Rangstufensystem baut auf dem Rangstufensystem der Familie auf und erweitert dieses um einige Begriffe. Ähnlich wie im Familienrangsystem gibt es Beziehungen untereinander. Eine Rangstufe stellt also keine Graduierung dar, wie in den japanischen Systemen (1. Schülergrad - x.Schülergrad, 1. Meistergrad - x. Meistergrad), sondern eine Beziehung zu den anderen "Schülern" oder "Meistern" des Systems.
ANMERKUNG: Nachstehend seien alle Begriffe, wenn nicht anders angegeben, im Kanton-Dialekt geschrieben.
Der Begriff "Meister", so wie er im japanischen Kampfsport verwendet wird, existiert im traditionellen
Rangstufensystem nicht. Korrekterweise spricht man von einem "Lehrer" (der natürlich ein Meister sein
sollte aber es nicht unbedingt sein muß). Der "Lehrer" (SiFu) stellt eine väterliche Funktion
dar. Er unterrichtet seine Schüler (Kinder) und muß sich auch sonst um die Schule kümmern. Seine
Schüler werden von ihm direkt mit Namen angesprochen. Sein eigener Lehrer wird von ihm ebenfalls
mit (SiFu) angesprochen. Der Schüler (Meister), der in der Schule seines Meister vor ihm
eingetreten war, wird von ihm Si Hing genannt, der Schüler, der später eintrat wird Si Dai genannt.
Es gibt zwei verschiedene Begriffe des Wortes "SiFu". Einmal wird der Begriff "SiFu" vom Schüler einer Schule
benutzt um seinen Lehrer anzusprechen. Zum Anderen wird der Begriff "SiFu" von Außenstehenden (Nichtmitgliedern
einer Schule) benutzt, um den Meister einer Schule (fremde Schule) anzusprechen. Obwohl bei beiden der Begriff
"SiFu" der gleiche ist, ist die Schreibweise in den chinesischen Schriftzeichen doch verschieden.
Der "Daai SiFu" gehört ebenfalls hierzu. Ein Schüler spricht seinen Lehrer immer mit SiFu an, nie mit
Daai SiFu. Daai SiFu (Dai SiFu)ist eine Bezeichnung, die eigentlich erst in jüngerer Zeit sich entwickelt hat.
Sie wird von "Außenstehenden" benutzt für einen Lehrer, der mehrere Schulen (Systeme, Stile) unterrichtet.
Dieser Daai Sifu ist dann Sifu in mehreren Systemen, z.B. Tai Chi Chuan und Tang Lang Chuan.
LoSi ist eine neue Bezeichnung, die aus der V.R. China stammt. Sie bezeichnet einfach nur einen Lehrer
oder Ausbilder oder Coach (Trainer). Ein LoSi muß nicht unbedingt ein Meister im Sinne des SiFu sein.
Ein LoSi kann z.B. auch ein Si Hing, ein älterer Schüler sein.
Der letzte Begriff ist der SenSe (jap. Sensei). Diese Bezeichnung wird häufig für Lehrer aus der
Provinz Fukien benutzt, falls nicht die Bezeichnung "SuHu"=SiFu in Hokkian-Dialekt verwandt wird. Der SenSe
nimmt eine "Mittelfunktion" ein zwischen einem SiFu (väterlicher Lehrer) und einem LoSi (Ausbilder).
Übersetzt bedeutet SenSe eigentlich nur "Herr" (Xian Sheng), was nicht auf einen Höheren Titel verweist. Dennoch
können gewisse Unterschiede zum jap. Meister (Sensei) bestehen.
Die Schüler einer Schule stellen die "Kinder" des Lehrers dar. Entsprechend der Familienrangfolge bezeichnen sie sich mit den jeweiligen Rangnamen und der Vorsilbe (Si: Lernen). Beispiel: Ein Schüler ist zu einem bestimmten Zeitpunkt in eine Schule eingetreten oder aufgenommen worden. Er spricht dann in der Schule einen männlichen Schüler, der vor ihm eingetreten ist, mit "Si Hing" (älterer Lehrbruder)an. Eine weibliche Schülerin, die vor ihm eingetreten ist, wird von ihm mit "Si Je" (ältere Lehrschwester) angesprochen. Umgekehrt gibt es natürlich auch feststehende Begriffe für Schüler, die nach ihm eingetreten sind. Er benennt dann einen männlichen Schüler mit "Si Dai" (jüngerer Lehrbruder) und eine weibliche Schülerin mit "Si Mui" (jüngere Lehrschwester). Da im Familienrangsystem zwei Kinder nie gleichzeitig gebohren werden (auch Zwillinge werden nacheinander gebohren), können nie zwei Schüler zur "gleichen" Zeit eintreten oder aufgenommen werden.
Der Lehrer der Schule wird von allen Schülern mit SiFu angesprochen. Seine Frau wird von den Schülern SiMu oder Si Mo genannt, die "Mutter" der Schule.In der Literatur findet man auch häufig unter dem Begriff SiMu (SiMo) die Mutter des Lehrers. Dies dürfte schlicht und einfach eine Falschübersetzung und Fehlinterpretaion des Begriffes sein.
Wie schon erwähnt, hat natürlich auch der Lehrer der Schule jüngere und ältere "Lehrgeschwister". Diese sind dann für die Schüler die "Lehr-Tanten" und "Lehr-Onkels". Die Bezeichnung für den älteren Lehrbruder des Lehrers (älterer Lehronkel) ist Si Bak, die für den jüngeren Lehrbruder (jüngerer Lehronkel) Si Suk. Die Bezeichnung für die ältere Lehrschwester des Lehrers (ältere Lehrtante) ist "Si Daai Go", die für die jüngere Lehrschwester (jüngere Lehrtante) "Si Go". Damit aber noch nicht genug.
Der Lehrer des Lehrers (Großvater) wid von den Schülern Si Gung genannt. Dessen älterer Lehrbruder wird mit Si Gung Bak, dessen jüngerer Lehrbruder mit Si Gung Suk bezeichnet. Die älteren und jüngeren Lehrschwestern werden SiPo genannt. Die Bezeichnung SiTai wird manchmal ebenfalls sowohl für die ältere als auch für die jüngere Lehrschwester benutzt. Eigentlich ist damit aber eine Nonne gemeint.
Existiert auch noch dessen Lehrer, so nennen ihn die Schüler Si Tai Gung (manchmal auch Tai Si Gung) "Urgoßvater-Lehrer". Auch hier gibt es wieder ältere Brüder (Si Tai Gung Bak) und jüngere Brüder (Si Tai Gung Suk). Die älteren und jüngeren Schwestern werden wieder Si Tai Po bzw. Si Tai Tai genannt.
Der Gründer einer Schule heißt Si Jo. Er steht in der Kung-Fu "Familie" an oberster Stelle. Jede Schule oder jedes System besitzt einen Si Jo. Gerade in letzter Zeit hat die Anzahl der SiJo stark zugenommen, da sich viele "Schüler" berufen sehen, ein "neues" Kung-Fu System zu kreiiren.
Abschließend seien noch die Schüler der "Lehronkel" (Si Bak, Si Suk) und "Lehrtanten"(Si Go, Si Dai Go) zu nennen. Sie werden SiJuk genannt.
Nachstehend seien einmal die wichtigsten Rangstufen und Beziehungen zueinander dargestellt.

Häufig wird nach der Notwendigkeit von Graduierungen und Prüfungen gefragt. In den japanischen und koreanischen Kampfkunstschulen existieren schon seit langen verschiedene Graduierungssysteme. In den chinesischen Schulen war dies nur im Süden der Fall, und auch hier nur in wenigen Schulen. Es gab nie so etwas wie "Schwarze Gürtel". Allerdings gab es in einigen Schulen (in der Provinz Fukian und auf Taiwan) sogenannte "Duan" (Toan) Grade. Dies sind Meistergrade, die in gewissen Maße den japanischen Dan-Graden entsprechen. Allerdings gab es - zumindest in traditionellen Schulen - keine "Schülergrade". Warum also nun Graduierungen? Wenn ein Meister (Lehrer) ein System unterrichten will, so muß er sich darüber Gedanken machen, was ein "Meister" seiner Schule können muß. Nicht immer zeigt ein Meister seinen Schülern wirklich alle Techniken und Formen, die er kennt. Chinesische Lehrer behalten meist einen Teil ihres Wissens für sich zurück bis sie alt sind und ihrem besten Schüler das "letzte" Wissen übermitteln können. Häufig wird dieses nicht mehr ausgeführt, weil bsw. der Schüler sich nicht mehr als würdig erweist oder der Lehrer vorher stirbt. Trotzdem sollte jeder Lehrer wissen was er von einem Meister seiner Schule verlangt. Er legt also fest, was verlangt wird. Dies ist die Basis für ein Prüfungssystem. Ein Prüfungssystem in seiner einfachsten Form legt fest, was ein Meister können muß. In den japanischen und koreanischen Schulen wird in Schülergraden festgelegt, wie diese Kenntnisse zum Meister unterteilt werden, bzw in welchen Schritten man sie erlangt. Oberhalb des "Meistergrades" geht es dann weiter. In den traditionell japanischen Schulen beginnt die eigentliche "Lehre" erst mit dem ersten Meistergrad, 1.Dan. Die Kyu- oder Schülergrade werden in traditionell japanischen Schulen eher als "Anfänger", denn als "Schüler" gesehen. In Europa und Amerika ist diese Sichtweise gänzlich anders. Hier durchläuft man eine höhere Anzahl von Schülergraden, bis endlich der erste Meistergrad erreicht wird. Die Vergabe von Meistergraden ist dabei in jedem Land verschieden und damit nicht vergleichbar. In Amerika ist es durchaus möglich, dass "Schüler" mit 9 Jahren (Lebensalter) schon den 1. Dan erhalten können. In Deutschland ist dafür ein Mindestalter von 18 Jahren notwendig. Höhere Dangrade können nur mit einem bestimmten Lebensalter erreicht werden. Für bestimmte Grade sind Dinge wie Kampferfahrung oder eine bestimmte "Zeitdifferenz" notwendig. In Europa und Amerika hat sich auch die Meinung durchgesetzt, dass ein 3.Dan bsw. "besser" sein muß als ein 1.Dan. Was ist besser? Meißtens wird damit gemeint, dass er besser kämpfen kann. Wissen ist nicht unbedingt gefragt. Diese Herangehensweise unterscheidegt sich stark von der die in Asien praktiziert wird. Hier wird mit höherem Grad auch ein höheres Wissen verlangt. Ein ganz großes Problem bei Graduierungen ist das "Verleihen" von Graden ohne dafür eine sichtbare Prüfung abgelegt zu haben. Dies wird sowohl in Asien als auch in Europa und Amerika praktiziert. Damit jedoch zerstört man jedes, logisch nach Leistungen aufgebaute Prüfungssystem. Hier wäre es vernünftig, klar zu unterscheiden.
Zusammenfassung: Graduierungen in einem System in (Schüler und) Meistergrade sind dann vernünftig, wenn der Lehrstoff des Systems in "kleine" Teile aufgegliedert werden soll. Sie sind dann eigentlich eine Hilfe für den Lehrer, der damit seine Schüler besser einordnen kann. Dies macht besonders Sinn, wenn viele Schüler in einer Schule unterrichtet werden und eventuell auch mehrere Lehrer vorhanden sind oder ein Stil oder System global derart verteilt ist, dass verschiedene Lehrer unterrichten müssen. Um dann einen gleichen Ausbildungsstoff zu vermitteln, ist ein solches System notwendig. Heute, wo immer mehr Kung-Fu Schulen und Systeme sich auf der Welt "ausbreiten", ist eine Standardisierung der Lehrinhalte unbedingt notwendig, zumindest innerhalb eines Systems und einer Schule.
Daher wurde für das Sou Gar Kune System und für das Ho Gar Kune System ein Prüfungs- und Graduierungssystem entworfen. Hierin wird festgelegt, was ein Schüler benötig um den Status eines Meisters im jeweiligen System zu erlangen. Im Ho Gar Kune System wird "nur" ein Meister definiert, d.h. es beginnt mit der Meisterstufe 1 und geht dann bis zur Meisterstufe 4. Im Sou Gar Kune ist das anders. Hier werden auch Schülergrade festgelegt, die die Grundlagen für den/die Meistergrade liefern.